Das Missverständnis Authentizität

Authentizität ist eine geforderte Eigenschaft für Führungspersönlichkeiten. Viele denken, authentisch zu sein, solange sie sich nur nicht verstellen. Der Münchener Experte für Auftreten und Wirkung, Michael Moesslang, denkt anders: er definiert Authentizität neu und zeigt auf, wie eine professionelle Authentizität den Erfolg beeinflusst.

Auf der Suche nach dem kleinsten Signal

Ich will so bleiben wie ich bin!“ lautete einst eine Werbebotschaft. So oder ähnlich denken viele, wenn es um Authentizität geht. Ein Missverständnis, wie ich meine. Authentisch zu sein ist eine häufig genannte Eigenschaft, wenn es darum geht, Führungspersönlichkeiten zu beurteilen. Da wundert es niemand, wenn die meisten auch selbst authentisch bleiben wollen. Bleiben? – Naja, so geht es auch, doch weit weniger erfolgreich, als möglich.

Die Definitionen für Authentizität sind unterschiedlich. Da gibt es authentisch in Verhalten und Wirkung, authentischen Führungsstil, also das auch selbst zu tun, was man predigt und authentische Produkte, die je nach Denkweise des Herstellers in Herkunft, Zutaten oder Marke echt seien. Am meisten interessiert uns im Alltag, ob ein Mensch „authentisch“ ist. Die Bedeutung des Wortes ist einfach, es heißt „echt“.

Unser Unterbewusstsein überprüft ständig, ob das, was ein Mensch tut und sagt, echt wirkt. Also beispielsweise glaubwürdig ist. Das ist die Erwartung: Dass jemand in seinem Handeln und Reden echt wirkt. Es geht also – und das mag zunächst spitzfindig klingen – nicht um echt sein, sondern um echt wirken. Es geht nicht um so sein wie früher (also bleiben), es geht um den Augenblick. Denn echt wirkt jemand dann, wenn jedes Detail der Körpersprache und Stimme zu dem passt, was er tut und sagt.

Unser Unterbewusstsein hat ein feines Gespür und bringt es uns sofort ins Bewusstsein, wenn etwas verdächtig ist. Je weniger negative Anhaltspunkte das Unterbewusstsein am Gegenüber entdeckt, desto eher entsteht Respekt und Überzeugungskraft. Dabei wägt es ab, wie wichtig die Aussage ist – bei einer Lappalie spielt es keine Rolle, ob die Person gerade authentisch wirkt – und wie stark die Signale für diese Person typisch oder außergewöhnlich sind. Es vergleicht auch mit anderen Personen in einer ähnlichen Situation.

Auf der Suche nach dem kleinsten Signal

Dieser Vergleich spielt eine sehr große Rolle. Wir bestimmen damit, ob Inhalt und Person glaubwürdig, vertrauenswürdig, seriös und überzeugend sind. Das erklärt die Bedeutung für die Person: Die Argumente mögen noch so schlagkräftig sein, wenn sie nicht authentisch ankommen, wirken sie nicht. Dabei geht es nicht nur um glaubwürdig oder unglaubwürdig. Tritt eine Person souverän und selbstsicher auf, steigt dadurch die Überzeugungskraft verbunden mit Respekt. Es reicht also für eine Führungskraft nicht aus, nur glaubwürdig zu sein, sie muss auch durch Persönlichkeit überzeugen.

Echt zu sein ist Vorraussetzung. Jemand, der immer schon mit hängenden Schultern oder ausweichendem Blickkontakt durchs Leben geht, ist auch echt. Es ist eben seine Art. Ausreichend, um mit Persönlichkeit zu überzeugen, ist es in der Regel nicht.

Wer sich entwickelt muss echt bleiben

Versucht nun dieser Mensch seine Wirkung zu verändern, regt sich Widerstand. Einmal unbewusst, denn jedes Verhalten, auch hängende Schultern oder zu kurzer Blickkontakt, haben ihre Ursache in der Persönlichkeit. Auch bewusst äußern viele die Befürchtung, bei Veränderung könnte die Authentizität leiden.

Sein Verhalten zu ändern hat viel mit Gewohnheiten und Faktoren der Persönlichkeit zu tun. Wer sich über Jahre oder Jahrzehnte ein Verhalten angewöhnt hat, kann dies oft nicht so leicht verändern. Versuchen Sie sich mal eine Floskel oder ein Füllwort wie ein „Äh“ abzugewöhnen, falls Sie eines haben. Die bloße Erkenntnis, dass Sie diese Gewohnheit haben, reicht nicht. Viele dieser kleinen nonverbalen oder verbalen Merkmale haben jedoch mit einer geringen oder starken inneren Unsicherheit zu tun. Da nahezu jeder gerne sicherer wäre, als er sich fühlt, ist das ein Massenphänomen, das auch sein Gutes hat. Denn dadurch führt nicht gleich jede Unsicherheit, die sich in einer kleinen Geste zeigt, zu einer Glaubwürdigkeits-Katastrophe.

Doch je mehr dieser Signale jemand zeigt, desto unsicherer wirkt er. Erst recht spielt dies eine Rolle, wenn die Anzahl der Signale in einer bestimmten Situation steigt. Das kommt häufig bei Präsentationen oder heiklen Verhandlungen vor. Genau in diesen Situationen kommt es auf Überzeugungskraft an.

Das Paradox der Wirkung

Das Interessante ist, dass Menschen, die diese Signale zeigen, oft als sympathischer gelten. Man mag sie, weil von ihnen vermeintlich wenig Gefahr ausgeht. Wer dagegen selbstsicher auftritt, wirkt womöglich dominant und lässt spüren, dass er über die Dinge bestimmt.

Führungspersönlichkeiten dagegen brauchen genau diese Führungsautorität. Je mehr jemand Autorität durch seine Persönlichkeit ausstrahlt, desto weniger muss er auf die Autorität pochen, die er durch seine Expertise oder seine Position innehat. Natürliche erlebte Autorität kommt aus der Persönlichkeit und wird durch nonverbale und verbale Signale wahrgenommen.

Diese vielen kleinen Elemente in Verhalten und Sprache spielen eine immense Rolle in der Wirkung. Der eine greift sich an die Nase während er spricht, ein anderer wackelt von einem Bein auf das andere und zurück, ein dritter hebt seine Schuhspitze während einer Präsentation hoch und richtet sie so wie zur Abwehr gegen seine Zuhörer. Ebenso fatal ist das Abwenden des Blicks in dem Moment, in dem jemand angelächelt wird oder bei Präsentationen ein Blick, der eher zur Folie als zum Publikum geht. Auch sprachliche Signale wie hektisches oder zu leises Sprechen, unbewusste Füllwörter, Möglichkeitsformulierungen – „Ich würde sagen, da könnte man doch vielleicht …“ – oder negative Aussagen über sich selbst reduzieren die Wirkung.

Doch wer schafft es schon, beispielsweise während einer Rede an all dies zu denken? Zumal es unbewusst passiert. So kann Veränderung nicht funktionieren. Einer der Schlüssel ist die Verbindung zwischen der Persönlichkeit und den Signalen. Es sind die so genannten Glaubenssätze, innere Überzeugungen und Muster, an denen der Hebel angesetzt werden muss. Und es ist Übung. Da Verhalten zum größten Teil Gewohnheit ist, lässt es sich nur durch ein Angewöhnen verändern. Und dies geht nicht in Live-Situationen, also in den Momenten, in denen Sie das neue Verhalten brauchen. Das geht nur durch Üben in aller Stille – vor dem Spiegel, mit der Video-Kamera oder im Seminar.

Das Interessante ist, dass sich durch das Verändern und Angewöhnen neuer Verhaltensmuster und das daraus resultierende positive Feedback der Umwelt auch die innere Selbstsicherheit und damit die Persönlichkeit verbessern. Es lohnt sich also doppelt.

Entwicklung zur Authentizität

Bleibt noch die Frage nach der Authentizität. Denn veränderte Signale, so die Befürchtung, könnten künstlich wirken oder aber auf andere überraschend. Die „künstliche“, also unauthentische, Wirkung entsteht, wenn wir versuchen, etwas bewusst zu machen.

Denken Sie an eine Routine-Tätigkeit wie Zähneputzen. Sie tun dies in der Regel unbewusst, ganz automatisch. Wenn Sie die Reihenfolge bewusst verändern wollen, die Bürste mit der anderen Hand nehmen, wird es länger dauern. Zudem werden Sie versucht sein, in Ihr altes Muster zurück zu fallen. Ihr Verhalten wirkt in diesen Momenten unbeholfener als normalerweise. Doch mit jedem Mal wird die neue Vorgehensweise mehr und mehr so routiniert, wie das alte Verhalten. Das Ergebnis ist die gewünschte Authentizität. Ein Verhalten zu verändern ist selten möglich, ohne zwischenzeitlich diese Authentizität einzubüssen.

Ein Verhalten wirkt dann authentisch, wenn es natürlich aussieht. Das hat eben nichts damit zu tun, dass es immer schon so gewesen sein muss. Authentisch zu „bleiben“ ist auch deshalb der falsche Ansatz, weil eine Entwicklung des Auftretens auf dem Weg nach oben notwendig ist.

Das Ziel für eine Führungspersönlichkeit muss anders lauten: Souveränität, die authentisch wirkt. Dieses souveräne Auftreten wird dabei geschickt so inszeniert, wie Sie auf andere wirken wollen. Dafür habe ich den Begriff „professionelle Authentizität“ kreiert, der ein planvolles Auftreten bei authentischer Wirkung bedeutet.

Autor

Michael Moesslang

Michael Moesslang, Dipl. Kommunikationswirt BAW, Top 100 Excellence Trainer, Coach und Autor, ist der Experte für sensationelles Präsentieren und persönliche Wirkung. Seine mitreissenden Keynote-Vorträge und Seminare zum Thema „PreSensation®“ motivieren, seine souveräne und professionelle Authentizität überzeugt. Er versteht es, die Teilnehmer wirkungsvoll zu integrieren und nachhaltigen Nutzen zu bieten. Als Experte seines Faches bezieht er aktuelle Erkenntnisse aus Psychologie und Verhaltenswissenschaften ein. Michael Moesslang aktivierte als Vortragsredner und Lehrbeauftragter - z. B. St. Galler Business School - bereits Zuhörer in über 1.000 Vorträgen und Präsentationen.

www.Michael-Moesslang.de

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