Evolution statt Strategie – Was Unternehmen von der Natur lernen können

Können Erfolgsrezepte aus der Natur auf die Unternehmensführung übertragen werden? In einer Untersuchung erfolgreicher Unternehmen fanden sich erstaunliche Übereinstimmungen mit den biologischen Prinzipien. Vom fraktalen Prinzip bis hin zur Symbiose bietet die Natur zahlreiche Anregungen, die in der Unternehmensführung angewendet werden können.

Modelle und abstrakte Theorien zur erfolgreichen Unternehmensführung gibt es viele. In die Praxis übertragen offenbaren sie schnell was sie sind: Modelle und Theorien. Fragt man Unternehmenslenker unter vier Augen ob das alles so funktioniert hat lautet die Antwort häufig „Teils, Teils“. Das klingt nicht überzeugend. Wer aber als Antwort ein klares „Ja, es funktioniert“ hören will, sollte die neuen alten Methoden beiseite schieben und der Natur über die Schulter schauen.

Deren praxiserprobte Erfolgsrezepte funktionieren seit Jahrmillionen und tatsächlich gibt es sehr erfolgreiche Unternehmen, die es intuitiv der Natur gleich tun. In technischen Disziplinen hat sich dieses Vorgehen unter dem Namen Bionik (eine Wortkombination aus Biologie und Technik) schon seit einigen Jahrzehnten bewährt. Im Bereich der Unternehmensführung wurden nun zahlreiche Unternehmen, darunter auch viele Wachstums-Champions, d.h. Unternehmen die schneller wachsen als ihre Konkurrenz,  untersucht. Dabei fanden sich erstaunliche Übereinstimmungen mit den biologischen Prinzipien.

Wachsen nach dem fraktalen Prinzip

Der Mathematikprofessor Benuît Mandelbrot prägte den Begriff „Fraktal“. Dabei handelt es sich vereinfacht ausgedrückt um das Phänomen, dass die Teilelemente die gleichen Strukturen haben wie das große Element, dem sie angehören.

Es tauchen immer wieder die gleichen Strukturen auf, egal in welcher Vergrößerung das Element mikroskopisch betrachtet wird. Zu beobachten ist dieses fraktale Prinzip bei Blutgefäßen und Farnen. Besonders gut sichtbar ist es bei der Blumenkohlart Romanesco.

In den 90-er Jahren experimentierten Unternehmen mit der fraktalen Organisationsform. Sie gingen von der Annahme aus, dass die kleinste unternehmerische Einheit ein Mitarbeiter sei, der wie ein Unternehmen im Unternehmen tickt. Mettler-Toledo, der Weltmarktführer unter den Waagenherstellern, galt damals als fraktales Vorzeigeunternehmen. Das Unternehmen verstand es, an die Selbstverantwortung seiner Mitarbeiter zu appellieren und auf diese Weise Kleinserien und Großserien in wechselnden Rhythmen gewinnerzielend herzustellen. Im gleichen Zusammenhang zog die Automobilindustrie damals die teilautonome Fertigung in der Produktion als neue Leitlinie ein.

Eines der Unternehmen, das sich auch heute zur fraktalen Organisation bekennt, ist die Hönigsberg & Düvel International Group. Das im IT-Bereich angesiedelte Unternehmen wuchs in den letzten Jahren von 60 auf über 1.200 Mitarbeiter, indem es sehr viel Wert auf das Thema Selbstverantwortung legte und damit die Möglichkeit zur Entscheidung sehr rasch delegierte. Auch andere erfolgreiche und schnell wachsende Unternehmen wie der Systemgastronom Vapiano und die auf das Bevorratungsmanagement spezialisierte Würth Industrie Service (ein Tochterunternehmen der Würth AG) wenden diese Führungsprinzipien an.

Spezialisierung

Ein anderes Phänomen aus der Natur ist die Fähigkeit zur Anpassung und Spezialisierung, um die eigene Überlebensfähigkeit zu sichern. Diese ist beispielweise beim Chamäleon und beim Ameisenbär auf eine sehr ausgeprägte Art und Weise zu beobachten. Beide haben sich in Kenntnis ihrer Umgebung perfektioniert: das Chamäleon, um selbst nicht so leicht zum Opfer zu werden, und der Ameisenbär, um sich in einer speziellen Nische als Nummer eins gebärden zu können.

Die gleiche Strategie zur Überlebenssicherung findet sich in der Unternehmensführung von Tchibo. Das Unternehmen mutiert seit Jahren. Ursprünglich ein Kaffeebohnenanbieter eröffnete es Handelsunternehmen an über 800 Standorten und betreibt mittlerweile auch einen online-Shop, in dem der Kunde sogar Gas bei seinem Energieversorger einkaufen kann. Das Modell funktioniert, weil die Kunden Tchibo vertrauen und die Philosophie „alles aus einer Hand“ schätzen.

Eine ganz andere Spezialisierungsstrategie fahren Avira oder Carthago Reisemobile. Avira programmiert  Antivirensoftware, die in fast 100% der Fälle hilft und weltweit eingesetzt wird. Carthago produziert Wohnmobile für das Premiumsegment. Beide Unternehmen wachsen seit Jahren mit ihrer „Ein-Produkt-Lösung“ nachhaltig und überdurchschnittlich. Beide kennen ihre Kunden und ihre Mitbewerber sehr genau. Sie stehen jeweils für bestimmte Markenversprechen, die der Markt entsprechend honoriert.

Ähnlich wie in der Natur führen auch hier die unterschiedlichen Wege zum Erfolg, weil sie zur Umgebung passen und mit Konsequenz verfolgt werden.

Ausdehnen

Der Bambus bietet ein Beispiel aus der Fauna. Er kommt auf der ganzen Welt vor, gedeiht bis in die unwirtlichen Regionen von Himalaya und Anden und seine unzähligen Verwendungsformen reichen vom Regenschirm über das Baugerüst bis hin zur Delikatesse als Speise. Darüber hinaus erfreut er sich im asiatischen Raum eines besonderen Images: gilt er doch als Symbol für Freundschaft, Glück und ein langes Leben. Unternehmen, die sich national und international ausdehnen, tun gut daran, sich am Bambus zu orientieren.

Beispiel Produktvielfalt: Ein Produkt, das für eine nationale Kundengruppe von höchster Priorität ist, kann für andere Kundengruppen keinerlei Relevanz haben. Dies lässt sich am Beispiel Baugerüst aus Bambus, das bei uns undenkbar wäre, gut nachvollziehen. Diese Produktdifferenzierungen sind jedoch nötig, um die weltweite Präsenz nicht zu bremsen.

  • McDonalds trägt den kulturellen Gewohnheiten seiner Kunden Rechnung, indem es vor einigen Jahren die über Jahrzehnte hinweg funktionierende weltweite, zentrale Strategie aufgab und heute den Franchisebetreibern der Restaurants eine Mitgestaltung im Auftritt und im Angebot vor Ort einräumt.

  • Die Erkenntnisse des Neuromarketings werden zukünftig dazu führen, dass es ein reichhaltiges Angebot, speziell zugeschnitten auf unterschiedliche Konsumententypen gibt. Ein erster Anfang wurde von der Skiindustrie unternommen, indem sie den Damenski einführte. Dieser wird deutlich weniger offensiv und wettkampflastig angeboten als der Ski für die Männer.

Symbiosen

Symbiotische Systeme in der Natur stellen im Kleinen wie im Großen eine der Existenzgrundlagen dar. Im Kleinen sind es beispielsweise die Putzerfische, die sich im Schatten ihres „Herrchens“ tummeln, seine Speisereste essen und ihn von lästigen Parasiten befreien. Im Großen sind es Bäume und Sträucher, deren Fortbestand – und damit die für uns lebensnotwendige Photosynthese – nur durch die Bestäubung von Insekten möglich wird.  

Übertragen auf die Wirtschaftswelt, bewegen sich einige Unternehmen mittlerweile sehr konkret in diese Richtung. Sie postulieren öffentlich, dass sie über den Erfolg ihrer Kunden wachsen. Wenn sie ihren Kunden helfen erfolgreich zu sein, fällt das automatisch auf sie zurück. Dementsprechend verhalten sie sich und bauen ihr Dienstleistungsangebot auf. Ein Beispiel hierfür ist Jäger Direkt, ein Unternehmen, das sich auf die direkte Belieferung des Elektrohandwerks spezialisiert hat. Sein erklärtes Ziel ist es, mit einer Fülle von Detaillösungen den Geschäftserfolg ihrer Kunden zu verbessern.

Ein anderes Beispiel ist das im Logistikbereich angesiedelte Unternehmen Simon Hegele. Sein erweitertes Geschäftsmodell besteht darin, Lösungen zu finden, die den Kunden in seiner Wertschöpfung weiter bringen. Aus diesem anspruchsvollen Ansatz resultieren ständig neue Einzellösungen, die nach erfolgreicher Implementation auch anderen Kunden angeboten werden können.

Balance wahren – Platz für den anderen lassen

Obwohl die Natur mitunter grausam ist, besteht der rote Faden nicht in der Vernichtung, sondern in der friedlichen Koexistenz. In einem größeren Zusammenhang hängt alles voneinander ab. Dies erschließt sich uns als Betrachter nicht immer auf Anhieb, wie es an der Klimaerwärmung oder jüngst wieder an der Nahrungskette, an deren Ende unser Essenstisch liegt, erlebbar wird.

Das Denken in Zusammenhängen und Prozessen ist ungewohnt, weil es einfacher ist, Ursache und Wirkung zu betrachten, doch es zieht langsam immer weitere Kreise. Hierzu zählen die Bewegung vom Shareholder- hin zum Stakeholder-Ansatz ebenso wie das Thema Ökobilanz und die zunehmende Bedeutung der Nachhaltigkeit in der Unternehmensführung.

Ein Beispiel hierfür bietet die KACO new energy, die sehr gezielt darauf achtet, dass die Ressourcen, die zur Herstellung, dem Versand und der Installation der Photovoltaikanlagen verwendet werden, in einem angemessenen Verhältnis zur erwarteten Stromersparnis stehen. Werner & Mertz, ein Hersteller von Reinigungs- und Pflegemitteln, bemüht sich, in allen Prozessen dem Aspekt der Nachhaltigkeit Rechnung zu tragen. Dafür bekam er 2009 den deutschen Nachhaltigkeitspreis.

Hürden sind zum Überspringen da

„Geht nicht, gibt´s nicht“ heißt ein alter Spruch in vielen Unternehmen und Lebenslagen. Und auch hierfür gibt es in der Natur zahlreiche Anleihen: Geckos, die mit ihren „Zauberpfoten“ wie angeklebt überall hinaufklettern können.

Lachse, die aus dem salzigen Meer in die Süßwasserflüsse zurückkehren und über hunderte von Kilometern flussaufwärts springen, und das Storchenehepaar, das mit Millionen anderen Zugvögeln alljährlich, ohne GPS, zielsicher nach Hause fliegt.

„Wenn wir das wollen, können wir das auch“ lautet die Parole, die immer mehr Unternehmen in ähnlicher Weise ausgeben, um Strapazen auf sich zu nehmen und Ziele zu erreichen, die anderen nicht so leicht möglich sind. So hat Jäger Direkt mit der Strahlemann-Stiftung eine Einrichtung geschaffen, mit der schwer vermittelbare Jugendliche den Einstieg ins Berufsleben erfolgreich schaffen. Dem Unternehmen ist daher nicht bange vor dem Fachkräftemangel.

Eckert & Ziegler Medizintechnik AG kümmert sich ganzheitlich um Themen der medizinischen Versorgung mit leicht radioaktiven Materialien. Hierzu zählt auch die professionelle Entsorgung dieser Stoffe – ein Prozessschritt, den nur wenige Unternehmen aufgreifen. Je größer die Hürde, umso uneinnehmbarer die Marktposition. Diesen Zusammenhang haben viele Unternehmen erkannt und klettern – im übertragenen Sinne – dazu an senkrechten Wänden hinauf.

Fazit

Mit ein wenig Beobachtungsgabe bietet die Natur zahlreiche konkrete Anregungen mit viel Symbolkraft, um daraus wirkungsvolle Schlussfolgerungen für die erfolgreiche Unternehmensführung zu ziehen. Dass diese Mechanismen auch bei Unternehmen anzutreffen sind, die bewusst oder intuitiv damit arbeiten, kann für viele Unternehmenslenker zum ermutigenden Vorbild werden. Es lohnt sich, der Natur auf die Finger zu schauen. Vor allem für Firmen, die systematisch wachsen wollen.

Autor

Christian Kalkbrenner

Dipl.-Kfm. (univ.), restrukturierte zahlreiche Unternehmen und verhalf ihnen mit schlagkräftigen Marktkonzepten zu neuen Erfolgen. Er ist mehrfacher Autor, Berater, Manager auf Zeit, Referent und seit vielen Jahren Experte für Unternehmenswachstum.

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