Fraktale Organisation

Fraktale- Revolution der Unternehmenskultur nach dem Modell der Jazzbands

"Die Fraktale Unternehmensorganisation ähnelt eher einer Jazzband als einem Symphonieorchester..."
Ulrich Griebel, Geschäftsführer
Schwan Stabilo Cosmetics GmbH & Co., Heroldsberg(1)

Mit dem Erscheinen des mittlerweile zum Standardwerk für moderne Unternehmensorganisation gewordenen Buches "Die fraktale Fabrik. Revolution der Unternehmenskultur." von Hans-Jürgen Warnecke im Jahr 1992 wurde der Begriff der fraktalen Organisation geprägt.

Praktiker, die das Konzept der Fraktalen Fabrik umgesetzt haben bzw. sich auf dem Weg dorthin befinden, bescheinigen diesem Konzept einen hohen Nutzen und Mehrwert für die Unternehmen.

Das Unternehmen SCHWAN STABILO Cosmetics hat als eines der ersten die Umstrukturierung zur fraktalen Fabrik umgesetzt. Die Unternehmensleitung beurteilt das Ergebnis der Fraktalisierung durchweg positiv:
Die Termintreue wurde deutlich verbessert, die Durchlaufzeiten verkürzt, der Materialbestand halbierte sich, die Lieferzeit konnte ebenfalls halbiert werden.
Ulrich Griebel, Geschäftsführer bei SCHWAN STABILO, beschreibt die neue Unternehmenskultur als Jazzband:

Eingespielte kompetente Teams mit großen persönlichen Freiheiten verständigen sich locker auf ein ungefähres Stück, passen sich beim Spielen fließend ihren Mitspielern an, verlieren ihr Publikum nie aus den Augen. Demgegenüber steht das Symphonieorchester, in dem sich Spezialisten diszipliniert und arbeitsteilig einem überragenden Dirigenten zum Wohle des harmonischen Ganzen unterwerfen(2).

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Fraktale - Antwort auf die dritte industrielle Revolution

Im Zuge der mittlerweile als dritte industrielle Revolution bezeichneten Entwicklung der Arbeitsorganisation und Unternehmensstrukturen drängen sich zunehmend dezentrale teamorientierte Strukturen in den Vordergrund.
Diese Teamorientierung insbesondere im produktiven Bereich findet Ausdruck in unterschiedlichen Ansätzen: Gruppenarbeit, Fertigungszellen oder Fertigungsinseln. Verantwortung im Team wird groß geschrieben.
Fraktale erweitern jedoch den Ansatz der Teamarbeit und sind bezüglich ihrer Gestaltung genauer definiert.

Jedes Fraktal ist als "Fabrik in der Fabrik" bzw. als "Unternehmen im Unternehmen" dem Gesamtunternehmen ähnlich und muss deshalb bestimmte Kriterien erfüllen:

  • Die Aufgabenstellung für ein Fraktal ist immer ganzheitlich.
  • Ein Fraktal ist voll verantwortlich für das Ergebnis.
  • Ein Fraktal ist verantwortlich für einen Geschäftsprozess mit definierten Ein- und Ausgangsgrößen. Es integriert verschiedene Funktionen, die zur Lösung der Aufgabe erforderlich sind.
  • Ein Fraktal muss mit allen Fähigkeiten und Werkzeugen zur vollständigen Leistungserbringung ausgestattet sein.

Alle Fraktale des Unternehmens sind selbständig agierende und eigenverantwortliche Unternehmenseinheiten, in denen die Unternehmensziele und unternehmerisches Denken und Handeln gelebt werden und deren Ziele und Leistungen eindeutig beschreibbar sind(3).

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Fraktale - Vorbilder aus der Natur

Fraktale sind Organismen, die mit wenigen, sich wiederholenden Bausteinen zu vielfältigen komplexen, aber aufgabenangepassten Lösungen kommen. Diese Eigenschaften werden für die fraktale Organisation als Vorbild aus der Natur angestrebt.
Maßgebend hierfür sind die ausschließlich den Fraktalen eigenen Merkmale:

Selbstähnlichkeit

Fraktale sind in der Naturwissenschaft definiert als geometrische Gebilde, die aus Strukturen aufgebaut sind, die wiederum die Basis dieser Strukturen sind. Ausschnitte einer Struktur sind also dieser selbst ähnlich. Diese Selbstähnlichkeit zeigt sich in der Natur z.B. bei Wolken, Farnen oder Gebirgen.
Für das Fraktal im Unternehmen bedeutet dies, dass sich jedes Fraktal wie ein eigenes Unternehmen verhält. Die Struktur, die Ziele und Werte des Unternehmens sind in der Zelle abgebildet.
Fraktale folgen widerspruchsfrei den Zielen des Unternehmens als Ganzem (selbstähnliche Zielausrichtung).

Selbstorganisation und Selbstoptimierung

Fraktale erkennen und formulieren ihre Ziele und die internen und externen Beziehungen. Sie bilden sich um, sie entstehen neu und lösen sich auf: sie sind also auf taktischer und strategischer Ebene selbstorganisiert.
Abläufe werden selbständig optimal organisiert, so dass sie auch auf operativer Ebene selbstorganisiert sind.

Dynamik und Vitalität

Fraktale sind über Informations- und Kommunikationssysteme vernetzt und reagieren flexibel auf innere und äußere Anforderungen. Sie passen sich eigenverantwortlich den wirtschaftlichen Erfordernissen an.
Das Prinzip der fraktalen Organisation basiert auf den Regeln der Kybernetik, mit denen Vitalität und Dynamik bzw. Anpassungsfähigkeit in der Natur abgeschaut wurden.

Aufgabenorientierung

In Fraktalen steht stets die Aufgabe im Vordergrund, nicht die Zusammensetzung der Personen als Team. Wenn es die Aufgabe erfordert, muss die Teamzusammensetzung entsprechend verändert werden.

Fraktale: Fitmacher für die Zukunft?

Die Einführung der Fraktalen Organisation hat umfassende Auswirkungen auf alle Unternehmensbereiche:

  • Unternehmensstrategie
  • Aufbau- und Ablauforganisation
  • Technologieentwicklung
  • Menschenführung
  • Weiterbildung.

Die Konzeption der Fraktalen Organisation versucht dennoch nicht, das Rad neu zu erfinden, sondern der neue Ansatz besteht darin, Erkenntnisse, Erfahrungen und bestehende Lösungen in einem größeren Rahmen zu nutzen und sie in einer langfristigen Vision umzusetzen.

Fraktale mit ihren Eigenschaften entwickeln erst in stringenter Prozessorganisation ihren Nutzen. Hier sieht der Erfinder des Modells die größte Herausforderung für die Unternehmen:
"Die Änderung einer funktional orientierten, vertikal strukturierten Organisation in eine prozessorientierte, horizontal strukturierte, sozusagen das Umklappen der Organisation um 90 Grad - mit gleichzeitiger Änderung der Führung im Sinne einer Dezentralisierung sowie der Abläufe im Sinne einer Integration - erfordert Mut und Aufwand."(4)
Zentraler Aspekt bei allen Entwicklungen ist dabei die permanente und kontinuierliche Veränderung.

Auswertungen der Erfahrungen "fraktalisierter" Unternehmen zeigen einen klaren Trend vom ursprünglich effizienzorientierten fraktalen hin zum entwicklungsorientierten wandlungsfähigen Unternehmen. Noch sind dies eher Ausnahmen, aber Untersuchungen der Fraunhofer Gesellschaft belegen, dass lern- und wandlungsfähige Unternehmen das Bild der Zukunft prägen werden.

Die Weiterentwicklung zum wandlungsfähigen Unternehmen kann deren Einschätzung nach ungeahnte Umsatz- und Leistungssteigerungspotenziale beinhalten.

"Als lern- und wandlungsfähige Organisationen gelten Unternehmen, die auf Basis der Veränderungskompetenz ihrer Mitarbeiter in Kombination mit einer umfassenden Wissenserzeugung und -nutzung in der Lage sind, sich an sprunghafte und unvorhersehbare Veränderungen ihres Umfeldes permanent anzupassen, sich reaktionsschnell und aus eigener Substanz zu verändern, proaktiv eine selbstgetriebene, kontinuierliche Weiterentwicklung zu vollziehen, sowie in bestimmten ... Marktbereichen gezielt Turbulenzen erzeugen und steuern zu können."(5)

In diesem Sinne bietet das Modell der Fraktalen Organisation einen Denkanstoß, traditionelle Denkmuster in Frage zu stellen und eine Orientierungshilfe bei einer Neuorientierung hin zum Sich-kontinuierlich-verbessernden Unternehmen. Es kann somit zu einem fruchtbaren Fitmacher für die Zukunft für mutige Unternehmen werden.

Links und Literatur

  • (1) Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20.07.1998
  • (2) ebd.
  • (3) vgl. Warnecke 1995, S.13
  • (4) Warnecke 1993, S.262
  • (5) Interessantes zum Fraktalen Unternehmen und aktuellen Forschungsergebnissen des Fraunhofer Institutes Fabrikbetrieb und -automatisierung (IFF)

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